Meine drei Gedichte
2003

Das Scheitern des Ornithologen(Aussprache: vgl. André Rieu; französischer Akzent bei wörtlicher Rede)

Der André, der André,
Der wandert durch den Klee.
Schritt für Schritt -
Das Ohr gespitzt,
Stets lauschend den lieblichsten Klängen,
Die allerlei Vögel sängen,
Wenn es nicht grad Mittag wär,
Darum murrt und nörgelt er:
"Nun singt! Nun singt doch bitte sehr!"

Doch die Sonne unerbittlich
Heizt und brutzelt kaum erquicklich
Hoch vom Himmel augenblicklich.

Enttäuschung jetzt im Vogelfreund,
Resignation schon seinen Geiste säumt,
Denn schließlich ist er Vogelkundler
Und kein Vater und Vormundler
Der die Stille mögen mag,
Hütet einen jeden Tag
Er seinen Hort - die schrille Plag -
Die ihm gar manchen langen Tag
Krakeelend in den Ohren lag.

Seinerseits das Fluchen übt
André jetzt, er ist schwer betrübt.

Da, endlich, vor ihm, weit entfernt
Ein Haufen Vögel schwärmt und lärmt!
Jetzt rasch das Teleskop gezückt -
André entzückt: "Es ist geglückt!"

Schon setzt er die Linse an,
Schärft das Bild und holt heran
Was bloßes Aug nicht sehen kann.

"Ach ja, wie friedlich", meint er nur,
"Ist's auf der weiten, grünen Flur!!!" - - -

KAWUMM!!!

Urplötzlich bebt die Luft von Schüssen
Die auch die Vögel hören müssen!
Es hallt und schallt, knallt und krawallt,
André entsetzt: "Diese Gewalt!"

Schon folgt den Schüssen ein "Hurra!",
Ein junger Jäger, nicht ganz nah,
Erschoss auf seiner ersten Pirsch
Gleich einen ausgewachs'nen Hirsch!

Unruh längst im Vogelschwarm,
Überall schlägt es Alarm,
Alles türmt, die ganze Schar
Entrinnt im Fluge der Gefahr.

André, der Kundler, leicht erblasst,
Studiert dies Treiben, schnell gefasst,
Fragt sich, wo die Erklärung liegt,
Dass selten Vog' in Vogel fliegt.

Und während er noch sinnt und denkt,
Er mit dem Rohr das Bild einfängt,
Schiebt sich, sollt' es anders sein?
Die Sonne in das Bild herein!

Zu gut gebündelt ist ihr Licht,
Der arme Mann verliert die Sicht.

Ach, welch ein böser Schicksalsschlag
Vollendet sich an diesem Tag:
Hat er erst jüngst als Baum verkleidet
Beobachtungen eingeleitet
Als ein Specht geflogen kam
Ihm das erste Auge nahm!

Beideraugs jetzt schwer verletzt,
Wird als Erstes abgeschätzt,
Was die Konsequenzen sind -
André erschüttert: "Ich bin blind!"

Und dies im fernsten Wiesengrunde
Wo keiner höret von der Kunde!

Keiner? Doch! Der Jägersmann!
André, so laut er brüllen kann:
"Hallo! Braver Jägersmann!
Heran, so er mich hören kann!"

Keine Antwort, kein Geräusch!
Keine Regung im Gesträuch!
Längst schon ist der Jäger weg
Mit seiner Hirschkuh im Gepäck!

Und so irrt unser Vogelheld
Einsam durch die dunkle Welt...

Mit seinen Schritten nähert er
Sich einem Maulwurfshügel sehr.
Man denkt: Gleich wird er ihn zerstoßen,
Ihn zertreten und nicht mehr,
Denn es ist nur und bitte sehr
Ein Häufchen Erde und nicht mehr!

Doch die Hitze auf dem Land
Hat den Haufen festgebrannt.

Da! Schon scheint es loszugehen,
An dem Straucheln kann man sehen,
Dass der Mann zu Boden geht,
Nicht mehr lange aufrecht steht.

Richten wir jetzt einmal alle
Die Blicke auf die Bärenfalle,
Welche hier in grüner Aue
Wartet auf des Bären Klaue,
Sehen wir, dass unser Held
Gleich mit dem Haupt in selbe fällt.

Schon vernimmt man jenes Schnappen
Das ertönt, wenn Fallen klappen,
Deutlich einen Schmerzensschrei,
Was dann kommt ist nicht jugendfrei,
Denn erst nach langer, schwerer Pein
Wird André verendet sein.

Von dem Gejammer angezogen
Kommt ein Geier hergeflogen
Und ein zweiter hinterdrein
Wird sein Fressgefährte sein.

Und während er noch lebt und leidet
Wird der Kundler ausgeweidet.---

Tot am Boden liegt André,
Blutig ist der schöne Klee,
Lernt daraus:
Wer Wissen schafft
Wird oftmals früh dahingerafft.